Gemeinsam-einsam?!

Podiumsdiskussion offenbart: Konkurrenzdenken verhindert allzu oft Kooperation

Am Samstag, den 26.09.2015, lud der Masterstudiengang Therapiewissenschaften der Hochschule FRESENIUS zu einem Symposium nach Idstein ein, unter dem Motto:
Teamplayer oder Einzelkämpfer?

Hierbei ging es um die interdisziplinäre Zusammenarbeit zw. ErgotherapeutInnen, LogopädInnen, MasseurInnen und PhysiotherapeutInnen sowie um eine mögliche Kooperation der unterschiedlichen Berufsverbände . Dazu präsentierten die Studenten die Ergebnisse ihres diesbezüglichen Forschungsprojekts:

©Foto: Hendrik Müller, Düsseldorf

©Foto: Hendrik Müller, Düsseldorf

Befragungen hatten ergeben, dass seitens der TherapeutInnen ein großer Wunsch nach Zusammenarbeit bestünde, diese in der Realität aber schwer umsetzbar sei. So käme es unter den verschiedenen Disziplinen oftmals zu Missverständnissen. Eine besseren Kommunikation und Verständigung unter den Kollegen scheitere jedoch zumeist am chronischen Zeitmangel, der wiederum eine Folge der schlechten Vergütungssituation sei.

Im Anschluss daran fand eine Podiumsdiskussion zu folgendem Thema statt:

„Vor- und Nachteile der Vielzahl der Berufsverbände, deren gemeinsame Ziele, mögliche Zusammenarbeit und was dem ggf. im Wege steht.“

Hierzu waren 7 Vertreter folgender Verbände geladen:
Dr. Elisabeth Wildegger-Lack (dbs), Azzisa Pula-Keuneke (dbl), Arndt Longrée (DVE), Christine Donner (BED), Ioannis Karassavidis (ZVK), Prof. Norina Lauer (HVG) und Thomas Etzmuß (BvT)

©Foto: Hendrik Müller, Düsseldorf

©Foto: Hendrik Müller, Düsseldorf

Der Einfachheit halber beschreibe ich die Diskussion im Folgenden in der „Gegenwarts-Form“:

Der ZVK betont, Konkurrenz belebe das Geschäft, für die großen Ziele sei aber die Zusammenarbeit notwendig. Der BvT vertritt genau die berufsübergreifenden Interessen aller Heilmittelerbringer. Laut HVG (Hochschulverbund Gesundheitsfachberufe) diskutierten bereits Ergotherapeuten, Logopäden und Physiotherapeuten an 28 Hochschulen mit Berufsfachschulen und fast allen Verbänden über die Akademisierung. Die Zersplitterung der Verbände sei kontraproduktiv. Der dbs beklagt 10 Jahre Vergütungsrückstand und habe bereits mehrfach für Schiedsverfahren gekämpft. Laut dbl seien die Heilmittelerbringer bei anderen Medizin.-/Ärzteberufen zu wenig bekannt und er strebe daher als einziger Logopäden-Verband die Hochschulausbildung an, da sie ausschließlich darin eine Chance auf bessere Vergütung sähen. Der BvT sieht dies allerdings nicht als die EINZIGE zielführende Lösung. Der dbl betont, eben andere Zielsetzungen als der BvT zu haben. Der DVE wiederum sei sehr viel in Gespräche mit Schweizer Verbänden vertieft und habe keine Ahnung, weshalb sich überhaupt ein zweiter Ergo-Verband gegründet hätte – jeder neue Verband sei überflüssig. Der BED habe diesbezüglich seit 10 Jahren schlechte Erfahrungen gemacht, es sei bis dato noch keine Aussprache mit dem DVE möglich gewesen. Hierzu sähe nach eigener Aussage der DVE auch keine Veranlassung. Laut BED wäre durch Kooperation zwischen den Verbänden wesentlich mehr erreichbar, z.B. in Form gemeinsamer Forderungsschreiben an Politik/Gesundheitsministerium. Der ZVK verfolgt derzeit das Ziel einer Verkammerung um dadurch politisch einen besseren Status zu erlangen und erhofft sich dadurch bessere Chancen auf einen Sitz im Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA). Der BvT dementiert an dieser Stelle, dass eine Verkammerung die Tür zum GBA öffnen würde, was der ZVK so wiederum nicht einsehen will. Überhaupt keine Perspektive auf einen Sitz im GBA sieht der DVE. Der HVG befürwortet Gespräche mit der Politik. Dafür sei eine große Zahl an Mitgliedern wichtig. Der BvT wünscht sich von den anderen Verbänden Unterstützung bei öffentlichen Aktionen (Demonstrationen, etc.), indem diese wenigstens ihre Mitglieder hierzu aufrufen/einladen sollten. Dies wäre der gemeinsamen Sache sehr dienlich. Demos erscheinen dem DVE nicht der richtige Weg, um berufspolitisch mehr zu erreichen – eher EINE EINZIGE Großaktion. Aber es sei noch nicht der richtige Zeitpunkt für eine solche Veranstaltung. Hierzu meint der dbs: „Demos zeigen keinerlei Wirkung auf die Politik“ – vielmehr seien Einzelgespräche mit Politikern zu suchen. Diese beiden Maßnahmen würden sich laut BvT auch nicht gegenseitig ausschließen, vielmehr würden sie ja bereits parallel zueinander betrieben.

©Foto: Hendrik Müller, Düsseldorf

©Foto: Hendrik Müller, Düsseldorf

Der ZVK ergänzt, er befände sich momentan in Gesprächen mit Politikern. Demos würden hier aber ein falsches Signal setzen und die Diplomatie mit den Politikern torpedieren. Auch der DVE sieht seine „sensiblen“ Kontakte zu Politikern hierdurch gefährdet. Hier stellt sich die Frage, woraus diese „sensiblen Politikerkontakte“ genau bestehen, wenn sie nicht einmal ein ganz originäres Mittel demokratischer Grundordnung („freie Meinungsäußerung“ durch friedliche Demonstrationen) ertragen können?!? Dem gegenüber zitiert der BvT einen Abgeordneten des Bundestags: „Demos sind wichtig – sie dienen der Argumentationsgrundlage vor dem Bundestag/Gesundheitsausschuss.“

Gegen Ende der Debatte kommen auch aus dem Publikum Wortmeldungen wie z.B.:

„Hoffentlich zeigen die Verbände diese Uneinigkeit nicht auch gegenüber der Politik?!“
„Akademisierung hilft uns finanziell kein Stück weiter!“

Die Diskussionsleiter fragen am Ende in die Runde, welche Rückschlüsse hieraus denn jeder der anwesenden Interessenvertreter für sich und seinen Verband ziehen würde:

Der DVE bedauert, dass laut einer Umfrage unter den Ergotherapeuten immer noch nicht angekommen sei, was er so alles leiste. Man müsse also noch intensiver kommunizieren, was alles bereits getan würde.

Der BED hofft auf zukünftig mehr Gemeinsamkeit, was sich beispielsweise ohne großen Aufwand durch gemeinsame Briefe an Politiker realisieren ließe. Dadurch würde man Einigkeit in der Sache demonstrieren. Individuelle Unterschiede würden dem nicht entgegenstehen.

Der ZVK werde die Kritik gerne an seinen Bundesverband weitergeben. Aber die Verbände hätten nicht nur eine „Bringschuld“ (Infos zur Verfügung stellen), sondern die Therapeuten auch eine „Holschuld“ (Infos einholen, sich informieren). Dies geschehe oft noch viel zu wenig.

Der dbl fragt sich, wie man die Therapeuten noch besser erreichen könne.

Laut dbs könne man es noch besser machen. Dennoch sei bereits vieles erreicht, dieses aber schlecht kommuniziert worden.

Es liege auch an den Therapeuten selbst, aktiv mitzumachen, betont der HVG.

Der BvT sieht sich ganz klar als „Teamplayer“, nicht als „Einzelkämpfer“ und wünscht sich dies auch zukünftig von allen Verbänden. Er wird weiterhin offensiv auftreten, um die Grundprobleme aller Therapeuten publik zu machen.

Thomas Metzger (Masseur & med. Bademeister)